Ende März 2020 – Ein Zwischenfazit nach zwei Wochen der Schulschließung

Es ist ein Tag wie fast jeder andere Tag es sein kann.
Meine Frau hat mir einmal wieder meine Lesebrille „geklaut“. Es scheint bei ihr ein Zwang zu sein, denn sie hat selbst mehrere Lesebrillen.
Eigentlich will ich nach dem 15. Tag des Dauerstresses „Corona-Krise und Schulschließung“ endlich entspannen, aber es liegt schon wieder etwas an. Das Auto meiner Frau muss in die Garage und ich Idiot fahre das Auto auch noch dorthin, obwohl sie selbst eine gute Autofahrerin ist und ich doch eigentlich entspannen wollte. Meditation wäre angebracht, doch eine Beruhigungstablette muss auch reichen. Ich versuche, Ruhe und Entspannung in den Abend zu tragen. Doch 5 Meter entfernt immer noch unnötige Diskussionen zwischen Mutter und Kind über Ostergeschenke. Jetzt an Ostergeschenke zu denken scheint bei der permanenten Berieselung durch Corona-Nachrichten absurd zu sein, doch vielleicht werden darüber auch Wünsche offenbar.
So geht es schon fast 14 Tage, nachdem die Schulen schließen mussten. Wie wünsche ich mir, dass Schule endlich wieder stattfindet, da könnten sich die Lehrerinnen und Lehrer unseres Sohnes mit den Ansichten und Problemen der Kids herumschlagen, was sie sowieso schon das gesamte Schuljahr machen. Und wer trägt die Schuld? Natürlich die Kids durch ihre Aufsässigkeiten oder? Ja und nein. Oftmals sind Lehrerinnen und Lehrer aufsässig, nerven mit unnützen Schulaufgaben und Leistungskontrollen nach einem Tag vollen Frontalunterrichts. Manchmal frage ich mich, was eigentlich Bildung ausmacht. Ich weiß schon die vielen Antworten, die ich von einigen Lehrerinnen und Lehrern unseres Sohnes bekäme. Ändern werde ich nichts können, vielleicht für mich und unsere Familie selbst, und ertragen muss ich meine Beobachtungen und Ansicht über die nicht vorhandene Modernität von Schule und deren Folgen schon. Mir scheint die Corona-Krise nicht die einzige Krisenzeit zu sein.
Was ist denn nun vor 14 Tagen geschehen? Noch im Schülerpraktikum kommt die Verfügung, dass erst einmal Schluss ist mit Schule und auch mit dem Schulpraktikum.
An dem besagten ersten Montag der Schulschließung sollten die Schülerinnen und Schüler ihre Aufgaben für die Zeit der „zu Hause-Isolation“ in der Schule abholen. Unser Sohn war dort nicht hingegangen, denn seine Klassenlehrerin hatte ihm gesagt, er müsse nicht kommen, weil er ihr schon seine Buchauswahl für das vorgezogene Literaturreferat mitgeteilt hatte. Dieser Hinweis der Klassenlehrerin erwies sich als fatal, denn die Folge für unseren Sohn und uns als Eltern war die, dass wir mehrere Stunden hinter den Kopien her rennen mussten. Wir brauchten weitere 3 Stunden, um die zusätzlichen von einer Schülerin der Klasse per WhatsApp weitergeleiteten JPG-Dateien so zu bearbeiten, dass sie überhaupt lesbar ausgedruckt werden konnten. Dann wurde über die WhatsApp-Gruppe der Schülerinnen und Schüler von der wohl überforderten Klassenlehrerin wieder als Weiterleitung auch noch mitgeteilt, dass die Noten der letzten
Deutscharbeit öffentlich in die WhatsApp-Gruppe gesetzt werden sollten. Da dachte ich mir nur, dass dies gar nicht gehen kann. Kennt die Lehrerin Datenschutzrichtlinien nicht? Nun gut, diesen Part der Notenbekanntgabe hat die Lehrerin dann wieder zurückgenommen, zu ihrem Glück.

Auf diese Ausnahmesituation waren die Lehrerinnen und Lehrer offensichtlich nicht vorbereitet, ebenso wenig wie das Hessische Kultusministerium. Denn erst am Ende der ersten Schulschließungswoche funktionierte das „schulportal.hessen“, das dazu dient, mit Schülerinnen und Schülern einen vernünftigen Kommunikationsweg zu beschreiten. Wenn es funktioniert, sollte man es auch nutzen, dachte ich mir. Jedoch weit gefehlt, zu mindestens bei der Klasse unseres Sohnes. Warum sollten die Lehrerinnen und Lehrer dieser Klasse dies auch tun, wenn sie doch schon die Aufgaben analog als Kopie und im Versuch der eigentlich verbotenen Nutzung von WhatsApp verteilt hatten? Bei anderen Schulen, so weiß ich es aus Informationsquellen mir bekannter Lehrer, klappt die Nutzung des Schulportals hervorragend. Schließlich wird über die Nutzungsverpflichtung des Portals auch die Dienstverpflichtung der Lehrerinnen und Lehrer abgedeckt. Doch offensichtlich tauchen eine Reihe von Lehrerinnen und Lehrer ab.
Von der einzufordernden Betreuung der Schülerinnen und Schüler, zu mindestens bei denen, die bei unserem Sohn in der Klasse sind, ist uns als den Eltern nichts bekannt. Wir würden es uns wünschen. Wie soll denn Motivation bei Schülerinnen und Schülern entstehen, wenn nichts kommuniziert wird?
Nun gut, jetzt liegt es offenbar an uns Eltern, das zu tun, was eigentlich die Lehrerinnen und Lehrer tun sollten.
Unser Sohn hat vor 14 Tagen in 9 Fächern einen Wust (übersetzt: ungeordnete Menge) von Arbeitsblättern und Schulbuchhinweisen bekommen, deren Bewältigung im Selbstlerntraining zu vollziehen sind. Hätten die Schülerinnen und Schüler doch einmal selbstständiges Lernen und Methoden dazu erklärt bekommen und eingeübt, dann wäre das als ein Fortschritt anzusehen.
Ich bin da eher skeptisch, denn wir sehen es bei unserem Sohn und seinen Mitschülern, die doch überfordert erscheinen, die Masse der Aufgaben zu lösen, sich darüber Wissen anzueignen, zu deren Aneignung fachliche und pädagogische Anleitungen und Unterstützungen notwendig sind.
In der Folge entstehen doch recht große Probleme und Reibungsverluste, die dann im Familienalltag entstehen und ausgetragen werden, die sich Lehrerinnen und Lehrer gar nicht vorstellen können.
Schließlich sind es nicht nur die schulischen Irritationen, die unseren Sohn und Mitschüler seelisch und emotional belasten.
Kinder haben in der Corona-Krise auch Angst um sich selber, um ihre Eltern und Großeltern, um Verwandte, Bekannte und um Freunde.
Sicherlich sind in der jetzigen Situation soziale Kontakte einzuschränken und es ist alles dafür zu tun, dass sich der Virus nicht so fatal ausbreitet und die Gesellschaft lahm legt.
In der Hinsicht hat sich unser Sohn persönlich recht gut angepasst. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Motivation zur Bewältigung von schulischen Aufgaben die Folge der erscheinenden Ruhe zu Hause sein muss. Motivation dieser Bewältigung und deren Sinnhaftigkeit können nur entstehen und greifen, wenn schulische Aufgaben als sinnvoll erkannt werden. Wenn natürlich bei den meisten der zu bewältigenden Aufgaben die fachlichen und pädagogischen Anleitungen fehlen und eher beschäftigungstheapeutischen Charakter aufweisen, dann sollten wir uns nicht wundern, wenn Unlust, Frust, manchmal auch Wut, entstehen.

Eltern sind nicht der Ersatz für Unzulänglichkeiten schulischer Betreuung und Eltern sollten aufpassen, sich nicht unter einen permanent erscheinenden Druck zu setzen, denn das geht an die Substanz und an die Nerven.

Meine Frau und ich, oft fühlen wir uns so, müssen viel Kraft aufwenden, um die derzeitige „Nichtschulsituation“ zu ertragen und so geht es vielen Eltern, das denken und wissen wir. Wir haben uns gesagt, wir müssen mit dem Stress der zu bewältigten schulischer Aufgaben umgehen und Zeit finden für Familie schlechthin. Trotz der Kontaktsperre trauen wir uns, gemeinsam raus zu gehen, gemeinsam Fahrrad zu fahren. Viele Dinge und Abwechslung sind möglich und vorstellbar.
Übrigens entgegnen wir Lehrerinnen und Lehrern, die meinen, dass ja auch noch die Osterferien kommen, in denen so wie so keiner verreisen darf und schulische Aufgaben erledigt werden könnten, ein klares NEIN. In den Osterferien wird nichts für die Schule gemacht, die Gesamtsituation ist problematisch und stressig genug.

Reinhard Mehles

Elternfalle und Elternhölle 2

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